Fehlentwicklung Effektiver Altruismus

Seit Anfang der 10’er Jahr dieses Jahrtausends kennt man die Philosophie des »Effektiven Altruismus«.

„Der Effektive Altruismus (abgekürzt EA) ist eine Philosophie und soziale Bewegung der frühen 2010er Jahre, die darauf abzielt, die beschränkten Ressourcen Zeit und Geld optimal einzusetzen, um das Leben möglichst vieler empfindungsfähiger Wesen möglichst umfassend zu verbessern. Als Mittel hierzu dienen empirische Erkenntnisse und rationale Argumente.
Effektive Altruisten streben danach, alle bekannten Ursachen und Maßnahmen zu berücksichtigen, um so zu handeln, dass ihr Handeln die größten positiven Auswirkungen hat. Dieser auf Evidenz basierende Ansatz unterscheidet den Effektiven Altruismus vom traditionellen Altruismus oder der klassischen Wohltätigkeit.«

Wikipedia

Kurzum: Effektiven Altruisten reicht es nicht aus, die Welt ein bisschen zu verbessern. Sie wollen es gleich perfekt tun.

Und was soll daran schlecht sein? Meine Antwort fällt etwas ausführlicher aus:

Schwierige Spendenentscheidung

Wem spende ich? Und wenn ja, wie viel? Wer nicht zu den prinzipiellen Nicht-Spendern gehört, kennt diese Fragen. Bleibe ich bei den mir bekannten Organisationen oder reagiere ich auf den mich berührenden Spendenbrief einer neuen Organisation? Gebe ich dem Straßenbettler oder den Kindern beim Schulkonzert?

Nach welchen Kriterien diese Auswahl geschieht, ist die große Frage, welche sowohl Spenderinnen als auch Fundraiserinnen beschäftigt. Viele Erklärungsansätze zu bewussten und unbewussten Spendenmotiven finden sich in der Fachliteratur, sind empirisch oder theoretisch belegt.

Das Spendensiegel des DZI, die Selbstverpflichtungen von Spendenrat und Transparenzsiegel sind für manche Gebenden eine Hilfestellung bei der Auswahl. Aber das DZI achtet weder auf Wirksamkeit der NPO, noch hat es eine flächendeckende Relevanz. Denn nur ein winziger Bruchteil der NPOs hat dieses beantragt.

Aus dem Bereich der Großspender gibt es den rationalen Ansatz, nicht „mit der Gießkanne“ zu spenden, sondern die Spende möglichst nutzenbringend, mit dem betriebswirtschaftliche gelernten Muster der Investition zu geben. Bekannt ist der von Ise Bosch – nicht nur für Vermögende – verfasste Ratgeber „Besser spenden“.

Der Ansatz des Effektiven Altruismus klingt nach einer perfekten Lösung des großen individuellen Dilemmas: Wem soll ich eine Spende geben, damit sie wirklich einen Unterschied macht?

International hat der EA bereits etwa bewegt. Viele intelligente Menschen und einige Organisationen haben es sich zur Aufgabe gemacht, Maßstäbe zu entwickeln, um herauszubekommen, welche Organisationen mit ihren Aktivitäten am wirkungsvollsten »das Leben möglichst vieler empfindungsfähiger Wesen möglichst umfassend verbessern«.

In Deutschland hat der Effektive Altruismus keine nennenswerte Relevanz für das Spendenverhalten. Dies zu ändern, hat sich ein Verein gegründet, um diesen Ansatz der zielgerichteten Spende zu verbreiten. Im Blog Sozialmarketing.de gab es zum EA eine Diskussion Für und Wider (https://sozialmarketing.de/?s=effektiver+Altruismus). Und in der Tageszeitung (taz) vom 21./22.12.2019 folgt die Autorin dieser Spur auf der Suche nach ihrem persönlichen Spendenziel (https://taz.de/Spenden–aber-wofuer/!5647458/).

Effektive Altruisten versuchen, die Arbeit von NPOs mit ihrer Folgewirkung so genau wie möglich abzuschätzen oder zu belegen. Das ist schwierig, denn wie man aus diversen Computer-Planspielen kennt, sind Ursache-Wirkungs-Ketten extrem schwer über einen mehrjährigen Zeitverlauf darstellbar. Und die moralische Frage, ob ich das Augenlicht eines Erkrankten erst retten darf, wenn alle Kinder geimpft sind (eine vereinfachte Darstellung), steht im Raum. Und ob beim drohenden Klima-Kollaps nicht jegliche individuelle Hilfe angesichts der globalen Bedrohung fehlgeleitet ist, ist eine andere Frage. Das Verhältnis von Mensch und Tier und Tieren untereinander steht auch heftig diskutiert im Raum.

Die methodischen Feinheiten des EA sind hier aber nicht das Thema. Denn das hieße, sich auf die Ebene des Denkmusters des »Effektiven Altruismus« zu begeben. Es bedeutet, seine Thesen und Prämissen zu akzeptieren. Und einige der Thesen besagen nach meiner Wahrnehmung das Folgende:
1) Es ist zu wenig Geld vorhanden.
2) Wer Geld hat, hat es für Notleidende einzusetzen.
3) Es ist gut, mit Spenden das Beste erreichen zu wollen.
4) NPOs verbessern ihre Arbeit, wenn sie auf Wirksamkeit betrachtet werden.

Und diese Prämissen werde ich diskutieren, denn teilen kann ich sie nicht.

1. These: Es ist zu wenig Geld vorhanden

Wenn genügend Geld im sozialen Sektor vorhanden wäre, bräuchte es die Debatte um den richtigen Mitteleinsatz nicht. Es gäbe ausreichend finanzierte NPOs und die verschiedenen Zwecke bräuchten in keinen Konkurrenzkampf zu treten.
Doch wer beweist, dass es nicht ausreichend Geld gibt? Und von welchem Geld sprechen wir den überhaupt?

Wenn wir die Höhe der privat zur Verfügung stehenden Mittel im Verhältnis zu Vermögen von Staaten, den Mitteln extrem reicher Personen oder den gebunkerten Milliarden der Internet-Giganten sehen, sind die von „normalen“ Privatpersonen getätigten Spenden in einem überschaubar geringen Umfang. Wenn wir die Militärausgaben der Staaten in Relation zu den Ausgaben der Entwicklungszusammenarbeit betrachten, haben wir kein Geld- sondern ein Verteilproblem. Und wenn wir die in korrupten Kanälen versickernden Milliarden der Entwicklungshilfe-Gelder vor Augen haben, haben wir ein Demokratie- und Gerechtigkeitsproblem in vielen Staaten.

Unter diesem Gesichtspunkt ist es frech, von Normalspendern zu verlangen, diese sollten ihre 100, 1000 oder 10.000 Euro nach einem ausgeklügelten rationalen System als Spende geben, wenn gleichzeitig eine Steuermilliarde nach der anderen in Rüstungs- oder zweifelhafte Bauvorhaben fließt.

Es gibt mehr als genug Geld auf der Welt – es wird nur nicht sinnvoll eingesetzt.

2. These: Wer Geld hat, hat es für Notleidende einzusetzen

Der EA trägt in sich die Botschaft, dass es Aufgabe der wohlhabenden Menschen (des Westens) ist, das Leid der unter Armut und Krankheiten leidenden Menschheit (der „Entwicklungsländer“) zu beseitigen. Mit einer Spende aus meinem Überfluss rette ich woanders Leben.

Moralisch klingt das erst einmal einleuchtend. Und dieser Gedanke hat eine lange Tradition, spiegelt sich in den Spendenaufrufen vieler international tätiger NPOs wider. Nicht zuletzt sollen damit die Geschichte von Kolonialisation und der bis heute andauernder wirtschaftlicher Ausbeutung, insbesondere der Länder Afrikas, kompensiert werden.

Doch ist es Aufgabe von Spender*innen aus dem Westen, die Not der Welt zu beheben? Ist das nicht zu kurz gedacht und nimmt zwei Akteure aus dem Blickfeld? Ich denke hier an die spendenempfangenden Nationen und an das eigene Land.

Wenn sich Spender*innen den Schuh anziehen müssen, für die Behebung der Nöte der Welt zuständig zu sein und dann noch unter dem Druck stehen, dies bestmöglich machen zu müssen, ist das eine wunderbar bequeme Entlastung für die nicht handelnden Staaten.

Kann private Hilfe via NPOs eine tragfähige Lösung sein, wenn ein Land sich nicht selbst um seine Not kümmern kann, weil korrupte Eliten eine Entwicklung zum Besseren verhindern? Und ist es nicht weit wirkungsvoller, wenn die wohlhabenden Nationen nicht nur Brosamen, sondern Gelder in nennenswertem Umfang für Maßnahmen der Gesundheit und Entwicklung zur Verfügung stellen? Stattdessen steht die so genannte Entwicklungshilfe weltweit im tiefen Schatten von Rüstungs- und Prestigeausgaben. Und sie ist Spielball in der internationalen Diplomatie, ihr Einsatz oft fragwürdig.

Wenn der Effektive Altruismus eine Berechtigung hat, dann im zielgerichteten Einsatz auf Ebene internationaler staatlich gegebener Mittel.

Die Protagonisten des EA wären besser beraten, sich in Form politischer Forderungen und Kampagnen zu äußern. Das ist ein Hebel, der mehr als nur umverteilte Spendenmillionen bringt und dem spendenden Teil der Bevölkerung mehr Last aufbürdet. Die Förderung stabiler politischer Systeme, welche zum Wohl der Bevölkerung arbeiten, ist der effektivste Weg zur Verbesserung von Lebensverhältnissen. Die Arbeit von NPOs ist letztendlich ein Notnagel.

Der EA ist ein unpolitischer Ansatz, denn er lädt die Aufgabe von Nationen mehrfach auf die Schultern von Privatpersonen ab.

3. These: Es ist gut, mit Spenden das Beste erreichen zu wollen

Der Homo Oeconomicus war lange das Leitbild der ökonomischen Wissenschaften. Mittlerweile bröckelt dieses Leitbild und andere Ansätze bestimmen die Wirtschaftstheorie und das praktische Marketing. Keine Werbung wirkt rein fakten- und zahlenbasiert. Das Unterbewusstsein, die Wünsche, Bedürfnisse und Werte dominieren unser Verhalten. Neuromarketing heißt ein Zauberwort in Werbung und Fundraising.

Die Spende, die Wohltätigkeit, steht mit am stärksten für diesen gefühlsbezogenen Teil des Handelns. Denn für die Spende erhalten wir keinerlei Gegenleistung, müssen den Gewinn, die Belohnung, aus der Befriedigung unserer dahinter liegenden Motive ziehen.

Ich halte es für unrealistisch, anzunehmen, dass Menschen primär darauf bedacht sind, dass ihre Spende optimalen Nutzen beim Empfänger auslöst. Die Motive zur Gabe sind weit vielfältiger als das rein rationale Denken, das zeigen alle Untersuchungen zu Spendermotiven.

Etwa die Hälfte der Bevölkerung spendet mehr oder weniger regelmäßig. Wollen wir ernsthaft moralisch verantworten, freiwillige Spende einem zweckrationalen Diktat zu unterwerfen? Ist sie denn dann noch freiwillig oder degeneriert sie zu einer verkappten Steuer?

Der Effektive Altruismus passt perfekt in die Geisteshaltung der Selbstoptimierung. Der unsägliche Druck, der Hang, jeden Aspekt der eigenen Existenz auf den Prüfstand der – im Zweifelsfall globalen – Vergleichbarkeit zu stellen, macht vor keinem Lebensbereich halt. Aktivitäts-Tracker, Schlaf-Tracker, Kalorien-Apps, Outfit, Arbeitsleistung, Gesundheit, etc., alles wird gemessen, vermessen und mit Standards oder anderen verglichen. Und wer möchte schon unterhalb des Mittelfeldes verortet werden?

Wenn ich diese Denke verinnerliche, muss ich in der Zukunft ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich eine Spende nur aus dem Gefühl oder einem spontanen Impuls heraus gebe. Das betrifft meine zehn Euro nach dem Schulkonzert, die Münze für den Bettler oder die spontane Reaktion auf einen Spendenbrief des lokalen Tierschutzvereins.

Damit wird die Spende als individuelle altruistische Gabe auf den Prüfstand gestellt. Jetzt ist die Entscheidung schon schwierig. Wir überlegten, ob die Spende an den Wohnungslosen „nachhaltig“ ist oder ob nicht doch eher eine NPO, welche Wohnungslose in ihrer Gesamtsituation unterstützt, besser gefördert werden sollte. Wir schwanken, ob unsere Spende lokal vor Ort, national oder international eingesetzt werden soll.

In der Praxis führen diese Gedanken meist dazu, dass wir uns nicht für ein „Entweder-oder“ entscheiden, sondern für ein „Sowohl-als auch“. Und damit können wir im Alltag gut leben. Wir haben das Gefühl, richtig gehandelt zu haben, den vielfältigen Aspekten unserer Persönlichkeit und Werte angemessen agiert zu haben.

Müssten wir, dem gesellschaftlichen Druck des EA folgend, rein rational nach Wirksamkeit entscheiden, dann hätte dies einen formalistischen Charakter. Wir recherchierten Tage um Tage oder hätten entsprechenden Informationsvermittlern zu glauben, welche Organisation nach unseren Werten am meisten hilft, welchem Wohnungslosen es am dreckigsten geht.

Doch was machen Menschen, welche sich nicht entscheiden können oder sich unter Druck gefühlt setzen? Sie handeln überhaupt nicht, verschieben ihre Entscheidung auf unbestimmte Zeit. Ich vermute, dass eine stärkere Entwicklung hin zum Effektiven Altruismus, als Folge einen weitere Rückgang der Spenden bewirken würde.

Nicht nur der Geldwert der Spende zeigt eine Wirkung. Ebenso bedeutsam ist, dass überhaupt gespendet wird. Denn jeder Spender und jede Spenderin spiegelt den altruistischen Grad der Gesellschaft wider.

Wenn die Kultur der Gabe in einer Gesellschaft verankert ist, wird sich das im Handeln der Politik und der öffentlichen Verwaltung spiegeln. Denn in Politik und Verwaltung agieren die gleichen – privat spendenden oder eben nicht spendenden – Menschen. Und auf formaler Ebene werden sie ihre haushaltsrelevanten Beschlüsse und ihr politisches Handeln im Kontext des gesellschaftlichen und persönlichen altruistischen Verhaltens reflektieren. NPOs unter Generalverdacht der Ineffektivität torpedieren jegliche Kultur der Gabe. Und unter diesen Verdacht stellt der EV die NPOs.

Der Versuch, Spenden nach bestmöglicher Wirkung zu geben, wird altruistisches Verhalten und die Kultur der Gabe ersticken. Der EA wird in seiner Folge das Verhältnis von Politik und Verwaltung gegenüber NPOs belasten.

4. These: NPOs verbessern ihre Arbeit, wenn sie auf Wirksamkeit betrachtet werden

Was bedeutet es in seiner Konsequenz, wenn der Effektive Altruismus das Leitbild für alle Gebenden der Welt und für das Handeln der NPOs wäre? Dann müssen sich doch NPOs aus dem Bereich der Kultur, des Sports, des lokalen Tierschutzes, etc. auflösen?

Bleibt am Schluss nur ein monothematisch agierendes Oligopol der wirkungsvollsten und international agierenden NPOs übrig? Sind alle anderen Themen auf die Zeit „danach“ verschoben? Sollen andere NPOs in der Spenderwahrnehmung unsichtbar werden, so wie es heute in den Suchergebnislisten von Google ab Seite 2 geschieht?

Oligopole haben nur selten etwas Gutes. Sie neigen dazu, schädliche Eigenschaften auszubilden, ihre Anstrengungen einzustellen, Entwicklungen zu unterdrücken. Das ist im sozialen Bereich nicht anders als in der Wirtschaft.

Der EA trägt in sich den Wunsch nach Monopol- oder Oligopolbildung in sozialen Sektor. Das ist schädlich für die Vielfalt im NPO-Bereich.

Fazit und vier Antworten auf den Effektiven Altruismus

Wenn NPOs erst einmal unterstellt wird, dass ein großer Teil von ihnen nicht „effektiv“ im Sinne des EA arbeitet, schwächt dies nachhaltig das altruistische Verhalten der Bevölkerung. Und diese Schwächung wird sich über kurz oder lang im politischen Handeln zeigen. Die Vielfalt der sozialen Organisationen wird durch Effektivitäts- und Effizienzdebatten beeinträchtigt. Und wie wichtig der politische Rückhalt im gemeinnützigen Bereich ist, erleben wir aktuell in der Diskussion um die Aberkennung der Gemeinnützigkeit politisch agierender NPOs oder bei der Streichung der Förderung antifaschistisch arbeitender NPOs in den östlichen Bundesländern Deutschlands.

Nochmals in Kürze:

  1. Es gibt nicht zuwenig, sondern mehr als genug Geld auf der Welt – es wird nur nicht sinnvoll eingesetzt.
  2. Der EA ist ein unpolitischer Ansatz, denn er lädt die Aufgabe von Nationen mehrfach auf die Schultern von Privatpersonen ab.
  3. Der Versuch, Spenden nach bestmöglicher Wirkung zu geben, wird altruistisches Verhalten und die Kultur der Gabe ersticken. Der EA wird in seiner Folge das Verhältnis von Politik und Verwaltung gegenüber NPOs belasten.
  4. Der EA trägt in sich den Wunsch nach Monopol- oder Oligopolbildung in sozialen Sektor. Das ist schädlich für die Vielfalt im NPO-Bereich.

Der Effektive Altruismus ist in seinem Ansatz alles andere als neu. Neu ist der vermessene Ansatz, die „Weltformel“ des Altruismus entdecken zu wollen. Der Maßstab, mit einer Spende, das Leben möglichst viele empfindungsfähiger Wesen möglichst umfassend zu verbessern, ist für die Gebenden inhuman. Er trägt in sich das Potential, den Altruismus zu zerstören anstelle zu optimieren. Das ist als Muster nicht neu. Selbstzerstörung ist schon immer das Schicksal kompromissloser Weltverbesserer gewesen.

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